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KI & Gesellschaft

KI verändert, wer welche Arbeit macht, wer was verdient und wer die Regeln schreibt. Diese Seite zeigt die gesellschaftlichen Auswirkungen anhand von Daten, ohne Panik, ohne Beschönigung.

Die Fakten stammen aus unabhängigen Institutionen wie WEF, OECD, IWF, IAB, ifo, Bundesagentur für Arbeit und Stanford. Dazu kommt meine eigene Auswertung der offenen Stellenanzeigen-Daten von Indeed. Jeder Fakt ist direkt verlinkt.

Eigene Auswertung der Indeed-Daten

Die KI-Schere am deutschen Arbeitsmarkt

Stellenanzeigen in DeutschlandVeränderung ggü. Februar 2020 in Prozent, Wochenwerte

Quelle: Indeed Hiring Lab (CC BY 4.0), eigene Auswertung. Saisonbereinigt, Stand 11.09.2026.

1 / 6Nach der Pandemie schoss die Zahl der Stellenanzeigen in Deutschland nach oben. Im Mai 2022 lag sie +73 % über dem Stand vom Februar 2020. Davon ist kaum etwas übrig: Heute sind es +6 %.
2 / 6Ende November 2022 kam ChatGPT. Seitdem trifft der Rückgang vor allem Berufe, in denen viel geschrieben, gerechnet, programmiert und verwaltet wird. Für stark KI-exponierte Berufe gibt es heute 19 % weniger Anzeigen als 2020.
3 / 6Ganz anders dort, wo Hände, Präsenz und Menschen zählen: Pflege, Bau, Handwerk, soziale Arbeit. Bei wenig KI-exponierten Berufen liegt das Plus bei +43 %. Teilweise exponierte Felder wie Ingenieurwesen oder Vertrieb landen mit −1 % dazwischen.
4 / 6Beim Start von ChatGPT lagen stark und wenig exponierte Berufe nur 13 Prozentpunkte auseinander. Heute sind es 62. 11 von 13 stark exponierten Berufsfeldern liegen unter dem Niveau von 2020, bei den wenig exponierten sind es 2 von 15.
5 / 6Am deutlichsten zeigt es die Softwareentwicklung. Im Mai 2022 gab es +69 % mehr Anzeigen als vor der Pandemie, heute sind es 51 % weniger. Also genau in dem Beruf, den KI-Coding-Tools am direktesten verändern. In der Pflege steht dagegen ein Plus von +55 %.
6 / 6Trotzdem Vorsicht mit „KI frisst Jobs“. Der Rückgang begann schon vor ChatGPT, mit der Zinswende, dem Ende des Tech-Booms und einer schwachen Konjunktur. Weniger Anzeigen bedeuten auch nicht automatisch Entlassungen. Auffällig ist aber, dass sich die Schere seit 2023 genau entlang der KI-Exposition öffnet.

Alle 45 Berufsfelder

Stellenanzeigen im September 2026 gegenüber Februar 2020. Ganz oben die größten Verlierer, ganz unten die Gewinner. Balken über +100 % sind gekappt. Tippe auf eine Gruppe, um sie hervorzuheben.

  1. Softwareentwicklung−51 %
  2. Immobilien−38 %
  3. Medien & Kommunikation−37 %
  4. Marketing−37 %
  5. IT-Betrieb & Support−35 %
  6. Wirtschaftsingenieurwesen−32 %
  7. Kundenservice−31 %
  8. Gastgewerbe & Tourismus−30 %
  9. Daten & Analyse−24 %
  10. Architektur−24 %
  11. Kunst & Unterhaltung−19 %
  12. IT-Systeme & -Lösungen−18 %
  13. Projektmanagement−17 %
  14. Personalwesen−16 %
  15. Versicherung−15 %
  16. Einzelhandel−13 %
  17. Forschung & Entwicklung−12 %
  18. Logistik-Disposition−9 %
  19. Recht−9 %
  20. Vertrieb−9 %
  21. Büro & Assistenz−2 %
  22. Maschinenbau+2 %
  23. Chemieingenieurwesen+3 %
  24. Management+8 %
  25. Bank & Finanzen+8 %
  26. Kinderbetreuung+11 %
  27. Elektrotechnik+11 %
  28. Apotheke+15 %
  29. Bauingenieurwesen+16 %
  30. Lager & Verladung+20 %
  31. Sicherheit+21 %
  32. Buchhaltung+25 %
  33. Installation & Wartung+28 %
  34. Medizintechnik & MTA+30 %
  35. Sozialwissenschaften+32 %
  36. Bildung & Lehre+33 %
  37. Produktion+34 %
  38. Sport+34 %
  39. Reinigung+35 %
  40. Land- & Forstwirtschaft+41 %
  41. Pflege+55 %
  42. Bau+60 %
  43. Therapie+93 %
  44. Soziale Arbeit+99 %
  45. Zahnmedizin+157 %
Stellenanzeigen mit KI-Bezug in DeutschlandAnteil an allen Anzeigen in Prozent, Wochenwerte

Quelle: Indeed Hiring Lab, AI Tracker (CC BY 4.0). Anzeigen, die Begriffe wie KI, maschinelles Lernen oder ChatGPT enthalten.

Gleichzeitig: mehr KI in den Anzeigen

Während es insgesamt weniger Stellen gibt, verlangt ein wachsender Teil davon KI-Kenntnisse. Nach dem Start von ChatGPT tat sich zwei Jahre lang wenig, seit 2025 geht die Kurve steil nach oben.

So habe ich gerechnet

Grundlage sind die offenen Daten des Indeed Hiring Lab (Lizenz CC BY 4.0): saisonbereinigte Stellenanzeigen auf Indeed Deutschland als 7-Tage-Mittel, 1. Februar 2020 = 0 %. Für die Grafik verwende ich Wochenwerte.

Die 45 Berufsfelder von Indeed habe ich selbst drei Stufen der KI-Exposition zugeordnet, angelehnt an den GenAI-Expositionsindex der ILO (2025). Stark exponiert sind Felder mit viel Text-, Code-, Daten- und Büroarbeit, etwa Softwareentwicklung, Marketing, Kundenservice oder Buchhaltung. Wenig exponiert sind körperliche, soziale und ortsgebundene Berufe wie Pflege, Bau oder Reinigung. Die Gruppenlinien sind ungewichtete Mittelwerte der Berufsfelder.

Nicht jedes Feld passt ins Muster: Die Buchhaltung ist stark exponiert und liegt trotzdem bei +25 %, das Gastgewerbe ist wenig exponiert und liegt bei −30 %. Die Daten zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung.

Datenstand: 11.09.2026.

Was mit Jobs passiert

Arbeit & Strukturwandel

Meine Einordnung

Die Nettobilanz bei Jobs sieht auf dem Papier weiter gut aus (+78 Millionen bis 2030 laut WEF). Nettobilanzen blenden aber aus, dass verdrängte und neue Arbeit selten beim gleichen Menschen landen und nicht zur gleichen Zeit. Die Spuren werden deutlicher: In den USA liegen junge Beschäftigte in stark KI-exponierten Berufen inzwischen 19 % unter dem Vergleichspfad, ein Jahr zuvor waren es 15 %.

In Deutschland zeigt meine eigene Auswertung der Indeed-Daten eine klare Schere. Stellenanzeigen für stark KI-exponierte Berufe liegen bei −19 % gegenüber 2020, für wenig exponierte bei +43 %. Ob KI die Ursache ist, lässt sich damit nicht beweisen: Zinswende, Tech-Flaute und schwache Konjunktur wirken in dieselbe Richtung, und die Bundesagentur nennt KI bisher nicht als Grund. Aber 57 % der Unternehmen erwarten laut Bitkom, dass KI sie Stellen kostet. Übergänge, vor allem für Berufseinsteiger, sind die eigentliche gesellschaftliche Aufgabe.

Was mich am meisten beschäftigt, ist die Konzentration von Marktmacht. Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft investieren 2026 zusammen über 700 Milliarden Dollar, der Großteil davon in KI-Infrastruktur. Wer die Infrastruktur baut, prägt auch Standards und Abhängigkeiten. Die Regulierung hält dabei nicht Schritt: Die EU hat die strengen Hochrisiko-Regeln der KI-Verordnung gerade auf Ende 2027 verschoben.

Als jemand, der Unternehmen beim KI-Einsatz hilft, halte ich trotzdem an meiner Grundhaltung fest: KI sinnvoll einsetzen und Effizienz gewinnen, aber mit offenen Augen. Wer die gesellschaftlichen Kosten kennt, trifft bessere Entscheidungen.

Claudius Neidig, September 2026