KI & Gesellschaft
KI verändert, wer welche Arbeit macht, wer was verdient und wer die Regeln schreibt. Diese Seite zeigt die gesellschaftlichen Auswirkungen anhand von Daten, ohne Panik, ohne Beschönigung.
Die Fakten stammen aus unabhängigen Institutionen wie WEF, OECD, IWF, IAB, ifo, Bundesagentur für Arbeit und Stanford. Dazu kommt meine eigene Auswertung der offenen Stellenanzeigen-Daten von Indeed. Jeder Fakt ist direkt verlinkt.
Eigene Auswertung der Indeed-Daten
Die KI-Schere am deutschen Arbeitsmarkt
Quelle: Indeed Hiring Lab (CC BY 4.0), eigene Auswertung. Saisonbereinigt, Stand 11.09.2026.
Alle 45 Berufsfelder
Stellenanzeigen im September 2026 gegenüber Februar 2020. Ganz oben die größten Verlierer, ganz unten die Gewinner. Balken über +100 % sind gekappt. Tippe auf eine Gruppe, um sie hervorzuheben.
- Softwareentwicklung−51 %
- Immobilien−38 %
- Medien & Kommunikation−37 %
- Marketing−37 %
- IT-Betrieb & Support−35 %
- Wirtschaftsingenieurwesen−32 %
- Kundenservice−31 %
- Gastgewerbe & Tourismus−30 %
- Daten & Analyse−24 %
- Architektur−24 %
- Kunst & Unterhaltung−19 %
- IT-Systeme & -Lösungen−18 %
- Projektmanagement−17 %
- Personalwesen−16 %
- Versicherung−15 %
- Einzelhandel−13 %
- Forschung & Entwicklung−12 %
- Logistik-Disposition−9 %
- Recht−9 %
- Vertrieb−9 %
- Büro & Assistenz−2 %
- Maschinenbau+2 %
- Chemieingenieurwesen+3 %
- Management+8 %
- Bank & Finanzen+8 %
- Kinderbetreuung+11 %
- Elektrotechnik+11 %
- Apotheke+15 %
- Bauingenieurwesen+16 %
- Lager & Verladung+20 %
- Sicherheit+21 %
- Buchhaltung+25 %
- Installation & Wartung+28 %
- Medizintechnik & MTA+30 %
- Sozialwissenschaften+32 %
- Bildung & Lehre+33 %
- Produktion+34 %
- Sport+34 %
- Reinigung+35 %
- Land- & Forstwirtschaft+41 %
- Pflege+55 %
- Bau+60 %
- Therapie+93 %
- Soziale Arbeit+99 %
- Zahnmedizin+157 %
Quelle: Indeed Hiring Lab, AI Tracker (CC BY 4.0). Anzeigen, die Begriffe wie KI, maschinelles Lernen oder ChatGPT enthalten.
Gleichzeitig: mehr KI in den Anzeigen
Während es insgesamt weniger Stellen gibt, verlangt ein wachsender Teil davon KI-Kenntnisse. Nach dem Start von ChatGPT tat sich zwei Jahre lang wenig, seit 2025 geht die Kurve steil nach oben.
So habe ich gerechnet
Grundlage sind die offenen Daten des Indeed Hiring Lab (Lizenz CC BY 4.0): saisonbereinigte Stellenanzeigen auf Indeed Deutschland als 7-Tage-Mittel, 1. Februar 2020 = 0 %. Für die Grafik verwende ich Wochenwerte.
Die 45 Berufsfelder von Indeed habe ich selbst drei Stufen der KI-Exposition zugeordnet, angelehnt an den GenAI-Expositionsindex der ILO (2025). Stark exponiert sind Felder mit viel Text-, Code-, Daten- und Büroarbeit, etwa Softwareentwicklung, Marketing, Kundenservice oder Buchhaltung. Wenig exponiert sind körperliche, soziale und ortsgebundene Berufe wie Pflege, Bau oder Reinigung. Die Gruppenlinien sind ungewichtete Mittelwerte der Berufsfelder.
Nicht jedes Feld passt ins Muster: Die Buchhaltung ist stark exponiert und liegt trotzdem bei +25 %, das Gastgewerbe ist wenig exponiert und liegt bei −30 %. Die Daten zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung.
Datenstand: 11.09.2026.
Was mit Jobs passiert
Arbeit & Strukturwandel
Das WEF analysierte 1.000 Arbeitgeber mit 14 Millionen Beschäftigten. Bis 2030 werden 92 Millionen Stellen verdrängt, gleichzeitig entstehen 170 Millionen neue. Nettobilanz: +78 Millionen Jobs. Aber: Die verdrängte Arbeit und die neue Arbeit liegen selten beim gleichen Menschen.
45 % rechnen in den nächsten zwei Jahren mit einem leichten, 12 % mit einem deutlichen Rückgang ihrer Beschäftigtenzahl durch KI. Nur 14 % erwarten mehr Jobs. Gleichzeitig nutzt erstmals eine Mehrheit der Unternehmen KI: 57 %, nach 36 % im Vorjahr und 20 % im Jahr 2024.
In Hocheinkommensländern steigt der Anteil auf rund 60 %. IWF-Chefin Georgieva hat die Schätzung im Januar 2026 bekräftigt und ergänzt: Schon jede zehnte Stellenanzeige in Industrieländern verlangt mindestens eine neue Fähigkeit.
Wer besonders betroffen ist
Betroffene Berufsgruppen
So weit liegen junge Leute in Berufen wie Softwareentwicklung oder Kundenservice unter dem Pfad vergleichbarer Gleichaltriger in weniger exponierten Jobs. Im Juli 2025 waren es noch 15 %. Entlassen wird dabei kaum, es werden schlicht weniger Junge eingestellt. Datenbasis sind Lohnabrechnungen von ADP bis Juni 2026.
Und zwar in den nächsten drei Jahren, bei Firmen ab 500 Beschäftigten sind es sogar 63 %. 19 % rechnen deshalb mit weniger Einstiegsstellen, bei den großen Unternehmen 32 %. Der klassische Einstieg über einfache Wissensarbeit gerät damit auch in Deutschland unter Druck.
Die OECD-Studie Algorithm and Eve (2024) zeigt: Frauen in denselben Berufen wie Männer greifen deutlich seltener auf KI-Tools wie ChatGPT zurück. Gleichzeitig arbeiten Frauen laut ILO häufiger in den am stärksten exponierten Jobs (4,7 % gegenüber 2,4 % bei Männern), vor allem in Büro und Verwaltung.
Was sich hierzulande messen lässt
Arbeitsmarkt Deutschland
Im Mai 2022 lag das Plus noch bei +69 %. Kein anderes der 45 Berufsfelder bei Indeed ist so tief gefallen. Alle Anzeigen zusammen liegen bei +6 %, stark KI-exponierte Berufe bei −19 % und wenig exponierte bei +43 %.
Im Schnitt waren 335.000 Menschen mit Hochschulabschluss arbeitslos, 16 % mehr als im Vorjahr. In IT-Berufen stieg die Zahl um 27 % auf 54.000. Die Bundesagentur nennt Konjunktur und Strukturwandel als Gründe, KI ausdrücklich nicht. Die Beschäftigung in IT-Berufen wuchs sogar noch um 2 %.
Nach dem Start von ChatGPT blieb der Anteil zwei Jahre lang bei rund 2,3 %, erst seit 2025 steigt er steil. Gezählt werden alle Anzeigen, in denen Begriffe wie maschinelles Lernen, KI oder ChatGPT vorkommen, auch wenn es kein reiner KI-Job ist. Wer nur Stellen mit echtem KI-Schwerpunkt zählt, kommt auf deutlich weniger: PwC auf 1,3 % (2025), das IW auf 1,5 % (2024).
Was KI wirklich bringt, und was (noch) nicht
Produktivität & Wirtschaft
McKinsey analysierte 63 KI-Anwendungsfälle quer durch alle Branchen. Das Potenzial ist real, aber realisiert wird es bisher nur selektiv. Bei Software-Entwicklung sind Produktivitätssteigerungen von 20–45 % bereits messbar.
Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen haben noch nicht begonnen, KI unternehmensweit zu skalieren. Nur rund 6 % zählen zu den High Performern mit deutlichem Ergebnisbeitrag. Der Abstand zwischen KI-Versprechen und KI-Realität bleibt in den meisten Unternehmen groß.
Bei Betrieben ab 200 Beschäftigten sind es 48 %, bei Kleinstbetrieben 21 %. In Information und Kommunikation liegt der Anteil bei 59 %, im Finanzsektor bei 50 %. Fragt man allgemein nach KI statt nur nach generativer KI, nutzt 2026 schon mehr als die Hälfte der Unternehmen KI (ifo: 54,5 %, Bitkom: 57 %).
Wer profitiert, und wer nicht
Einkommensungleichheit
Im Jahr 2024 verdienten Arbeitnehmer mit echten KI-Kompetenzen im Schnitt 56 % mehr, doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Die Schere zwischen KI-Kompetenten und anderen wächst rasant.
Eine BIS-Studie (Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht) zeigt empirisch: KI-Investitionen sind mit höheren Realeinkommen für das oberste Einkommensdezil verbunden. Für das unterste Dezil: keine Veränderung der Realeinkommen, aber ein signifikant niedrigerer Einkommensanteil.
Die OECD zeigt: In Ländern mit starken Gewerkschaften (Nordics) führt KI-Adoption zu engeren Lohnlücken. In den USA und UK, schwächere Gewerkschaften, schärfere Polarisierung. Die Technologie entscheidet nicht allein: politisch-institutionelle Rahmenbedingungen sind entscheidend.
KI im politischen Raum
Demokratie & Desinformation
Pew Research zeigt: 8-mal so viele Befragte erwarteten, dass KI für schlechte statt gute Zwecke in Wahlen eingesetzt wird. Das Vertrauen in digitale Informationen erodiert schneller als Gegenmaßnahmen wirken.
Das Knight First Amendment Institute (Columbia University) analysierte 78 Wahl-Deepfake-Fälle. Die schlimmsten Szenarien blieben aus, aber: Die Hürde für Manipulation sinkt mit jedem Update der KI-Tools. Rumänien 2024 ist der erste dokumentierte Fall, wo KI-Einflussnahme zu einer Wahlannullierung führte.
Kurzfristig schätzen die rund 1.300 befragten Fachleute nur geoökonomische Konfrontation als größeres Risiko ein. Langfristig landet Desinformation auf Platz 4, negative Folgen von KI-Technologien auf Platz 5.
Wem gehört KI
Marktmacht & Konzentration
Private KI-Investitionen erreichten 2025 in den USA 285,9 Milliarden Dollar, in China 12,4 Milliarden. Weltweit waren es 344,7 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Staatliche Fonds in China sind darin allerdings nur unvollständig erfasst.
Nach den Quartalszahlen im Juli 2026 summieren sich die Investitionspläne der vier Konzerne auf rund 720 bis 745 Milliarden Dollar, der Großteil davon für KI-Rechenzentren. Allein Amazon plant rund 220 Milliarden, Alphabet 195 bis 205 Milliarden. Vier Unternehmen formen die globale KI-Infrastruktur, und damit indirekt deren Regeln.
Ein US-Bundesgericht bestätigte: Google hat seine Monopolstellung in der allgemeinen Suche illegal aufrechterhalten. Die FTC warnt gleichzeitig, dass Partnerschaften wie Google/Anthropic und Microsoft/OpenAI als faktische Fusionen wirken, und Marktdominanz zementieren.
Meine Einordnung
Die Nettobilanz bei Jobs sieht auf dem Papier weiter gut aus (+78 Millionen bis 2030 laut WEF). Nettobilanzen blenden aber aus, dass verdrängte und neue Arbeit selten beim gleichen Menschen landen und nicht zur gleichen Zeit. Die Spuren werden deutlicher: In den USA liegen junge Beschäftigte in stark KI-exponierten Berufen inzwischen 19 % unter dem Vergleichspfad, ein Jahr zuvor waren es 15 %.
In Deutschland zeigt meine eigene Auswertung der Indeed-Daten eine klare Schere. Stellenanzeigen für stark KI-exponierte Berufe liegen bei −19 % gegenüber 2020, für wenig exponierte bei +43 %. Ob KI die Ursache ist, lässt sich damit nicht beweisen: Zinswende, Tech-Flaute und schwache Konjunktur wirken in dieselbe Richtung, und die Bundesagentur nennt KI bisher nicht als Grund. Aber 57 % der Unternehmen erwarten laut Bitkom, dass KI sie Stellen kostet. Übergänge, vor allem für Berufseinsteiger, sind die eigentliche gesellschaftliche Aufgabe.
Was mich am meisten beschäftigt, ist die Konzentration von Marktmacht. Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft investieren 2026 zusammen über 700 Milliarden Dollar, der Großteil davon in KI-Infrastruktur. Wer die Infrastruktur baut, prägt auch Standards und Abhängigkeiten. Die Regulierung hält dabei nicht Schritt: Die EU hat die strengen Hochrisiko-Regeln der KI-Verordnung gerade auf Ende 2027 verschoben.
Als jemand, der Unternehmen beim KI-Einsatz hilft, halte ich trotzdem an meiner Grundhaltung fest: KI sinnvoll einsetzen und Effizienz gewinnen, aber mit offenen Augen. Wer die gesellschaftlichen Kosten kennt, trifft bessere Entscheidungen.
Claudius Neidig, September 2026