Was hinter ArtCraft steckt
Seit Anfang Oktober 2026 kursiert in Designkreisen ein Name: ArtCraft. Das Projekt von Entwickler Brandon Thomas begann als KI-Studio für Bild und Video. Ende September kamen auf GitHub plötzlich Open-Source-Programme dazu, die Adobe-Software nachbauen: PhotoCraft (Photoshop), VectorCraft (Illustrator), FilmCraft (Premiere Pro), LightCraft (Lightroom), EffectCraft (After Effects), DesignCraft (InDesign) und PdfCraft (Acrobat). Am 7. Oktober folgten WordCraft, GridCraft und DeckCraft als Gegenstücke zu Word, Excel und PowerPoint, dazu CADCraft für AutoCAD und SoundCraft für Pro Tools.
Laut Berichten hat Thomas die Programme mit Hilfe von Claude in der Programmiersprache Rust geschrieben. Die Resonanz ist enorm: PhotoCraft hat auf GitHub über 50.000 Sterne gesammelt (Stand 12. Oktober), die Presse spricht vom „Adobe-Killer“.
Die Eckdaten laut offiziellen Repositories:
- Lizenz: Apache 2.0 bzw. MIT, also freie Nutzung, auch kommerziell.
- Plattformen: macOS, Windows, Linux, FreeBSD und eine Web-Version per WebAssembly.
- Dateiformate: PhotoCraft öffnet und speichert PSD-Dateien, WordCraft liest und schreibt .docx.
- Agenten-Schnittstelle: Jede Aktion ist als Befehl ansprechbar, per Kommandozeile oder MCP-Server. KI-Agenten können die Programme also direkt steuern.
- Status: ausdrücklich „early alpha“. PhotoCraft stand am 11. Oktober bei Version 0.7.0.
Die Programme selbst kosten nichts. Geld verdient ArtCraft mit dem KI-Studio, das Bilder und Videos über Cloud-Modelle erzeugt und dafür Credits abrechnet.
Wie reif sind die Programme?
Die Screenshots sehen beeindruckend aus, und wer Photoshop kennt, findet Menüs und Tastenkürzel an gewohnter Stelle. Die ersten Tests fallen trotzdem gemischt aus. Design Week zitiert einen Tester, der PhotoCraft „einfach Photoshop“ nennt, aber auch berichtet, dass die Gaußsche Unschärfe nicht funktionierte. Andere Nutzer melden Fehler bei Grundfunktionen.
Thomas selbst hat seine Ansage zurückgenommen: Aus „volle Adobe-Parität in einem Monat“ wurde „99 Prozent in Monaten, nicht Jahren“. Das ist ehrlich, zeigt aber auch, wo das Projekt steht. Was fehlt, sind die Dinge, die im Agenturalltag zählen: Farbmanagement für den Druck, Plug-ins, eingespielte Workflows, Support und eine Roadmap, auf die man sich verlassen kann. Hinter dem Projekt steht ein sehr kleines Team. Ob es Tempo und Pflege über Jahre durchhält, kann heute niemand sagen.
Rechtlich: Clean-Room oder Dekompilierung?
ArtCraft bezeichnet seine Programme als Clean-Room-Nachbauten. Gemeint ist: Das Verhalten der Originalsoftware wird von außen beobachtet und neu programmiert, ohne den Quellcode des Herstellers zu kennen oder zu kopieren. In Fachmedien kursiert auch die Vermutung, die Programme könnten aus dekompilierter Adobe-Software entstanden sein. Belege dafür gibt es bislang nicht, eine Stellungnahme von Adobe oder Microsoft ebenfalls nicht.
Für die Einordnung nach europäischem und deutschem Recht helfen drei Punkte:
- Funktionen sind nicht geschützt: Der EuGH hat 2012 im Fall SAS Institute (C-406/10) entschieden, dass Funktionalität, Programmiersprache und Dateiformate eines Programms nicht unter den Urheberrechtsschutz fallen. Nachbauen, was eine Software tut, ist grundsätzlich erlaubt.
- Beobachten ist erlaubt: Nach
§ 69d Abs. 3 UrhGdarf, wer ein Programm rechtmäßig nutzt, dessen Funktionsweise beobachten, untersuchen und testen. - Dekompilieren nur eng begrenzt:
§ 69e UrhGerlaubt das Zurückübersetzen von Code nur unter engen Voraussetzungen, um die Zusammenarbeit mit anderen Programmen herzustellen. Die so gewonnenen Informationen dürfen nicht genutzt werden, um ein Programm mit im Wesentlichen ähnlicher Ausdrucksform zu entwickeln.
Daneben stellen sich Marken-, Design- und Urheberrechtsfragen bei Icons und Oberflächen, die dem Original sehr nahekommen. Ob ArtCraft diese Grenzen einhält, kann von außen niemand verlässlich beurteilen. Für dich als Anwender zählt vor allem ein praktisches Risiko: Ein Rechtsstreit könnte Downloads oder Updates abrupt beenden. Dieser Abschnitt ist eine allgemeine Einordnung und keine Rechtsberatung; vor einem Einsatz im Unternehmen gehört die Frage in die Rechtsabteilung oder zu einer Kanzlei.
Sicherheit: Viel Code in kurzer Zeit
In wenigen Wochen ist eine riesige Menge Code entstanden, nach allem, was bekannt ist, zu großen Teilen von KI geschrieben. Ein unabhängiges Sicherheitsaudit ist bislang nicht bekannt. Design Week rät deshalb, die Programme nicht auf dem Arbeitsrechner zu installieren. Dazu kommt ein praktisches Problem: Rund um den Hype sind Seiten wie getartcraft.app oder artcraftai.org aufgetaucht, die das Projekt nicht als eigene ausweist. Als offiziell nennt ArtCraft selbst nur getartcraft.com und das GitHub-Konto storytold.
Wenn dein Team ArtCraft ausprobieren will:
- nur über die offizielle Website oder GitHub herunterladen
- in einer virtuellen Maschine oder Windows Sandbox testen, nicht auf Rechnern mit Kundendaten
- keine vertraulichen Dateien öffnen, solange das Projekt im Alpha-Stadium ist
- die IT einbinden, bevor jemand die Programme dauerhaft installiert
Was du heute schon nutzen kannst
Wer Adobe- oder Microsoft-Lizenzen sparen will, muss nicht auf ArtCraft warten. Für Grafik und Layout ist Affinity eine erprobte Alternative zu Photoshop, Illustrator und InDesign, deren Kernfunktionen Canva seit Oktober 2025 kostenlos anbietet (ein Canva-Konto ist nötig, die KI-Funktionen kosten extra). Für einfache Gestaltung im Team reicht oft Canva selbst. Für Texte und Tabellen gibt es mit Nextcloud und LibreOffice ausgereifte Open-Source-Lösungen, die sich auf eigenen Servern in Europa betreiben lassen. Wie das mit Nextcloud Write funktioniert, steht in unserem Insight zur Word-Alternative.
Fazit
ArtCraft ist heute kein Ersatz für Adobe oder Office im Unternehmen, und das sagt das Projekt auch selbst. Spannend ist es trotzdem, denn es zeigt, wie schnell sich mit KI-Werkzeugen wie Claude große Desktop-Software nachbauen lässt. Für Hersteller, deren Geschäft auf teuren Lizenzen beruht, wächst damit der Druck, und für dich wird die nächste Verhandlung über Lizenzkosten vielleicht etwas leichter. Unsere Empfehlung: beobachten, in der Sandbox ausprobieren und in einem halben Jahr neu bewerten. Für den produktiven Einsatz bleiben Affinity, Canva und die etablierten Office-Alternativen die sichere Wahl.